MikroFiction (Sweek)

MikroFiction ist eine Kategorie auf der Schreibplattform Sweek, zu der es regelmäßig Wettbewerbe gibt. Bedingung: Die Texte dürfen 250 Wörter nicht überschreiten. Außerdem muss stets das Wort der jeweiligen Runde in den Text eingebaut werden.

Ein paar Texte der MikroFiction


Strom(an/aus)fall

 

Eine Schlafanzughose mit dem Muster einer Cartoon-Ente liegt quer auf der Couch, daneben alte Socken. Paarweise getragen, paarweise muffig. Ein heilloses Durcheinander, heilvolles Stillleben. Auf der Mattscheibe ein Feuer, das nicht knistert, sondern explodiert und einen hellen Schein in den Raum wirft, der zeigt, was ungezeigt bleiben sollte. Gewitter wäre gut, Stromausfall und zwanghafte Suche nach Alternativen. Vielleicht spazieren gehen, nasse Streichelwiese, ein Heiratsantrag, Flausen oder gemeinsam unter einer Decke stecken, Pläne aushecken. Stattdessen Fernsehen, das nicht interessiert, aber Raum einnimmt. Den Raum dominiert, nicht durch Format, nur durch Gewohnheit. Zwischen der Schlafanzughose und den Socken finde ich dich. Träge, trotzdem süß. Streichelwiese wäre zu weit. Spazieren gehen auch zu nass. Eine Heirat zu komplex. Flausen Flusen zu ähnlich. Pläne – zu offline, generell nicht so dein Ding. Gerade Verfolgungsjagd in HD oder 4K, keine Ahnung. Draußen aufbrausender Wind. Erste Wolken, daraufhin Grummeln. Grummeln und Strecken auch neben mir. Bin auch auf der Couch, ebenso Gewohnheitstier. Ein lauter Knall. Dann tatsächlich ein Blitz, wahrscheinlich andersherum. Mit einem Mal alles dunkel, der Bildschirm stirbt, Leben kriecht in uns. Sehen nasse Ziegen eigentlich süß aus?, fragst du plötzlich, dich streckend. Schon, sage ich, aber das sind nur Flausen.

 

»Feuer!«

 

Sie stehen in einer Reihe, fassen sich bei den Händen. Singend, doch sie tanzen nicht, sie zittern, geben auf. Andere legen an. Der Himmel ist blau, nur ein paar weiße Wolken treten auf und wieder ab. Eine geerdete Wiese, frühlingsgrün, rot betupft, fragwürdig pittoresk. Eher grotesk-pittoresk.

 

Wie zu alte Kinder oder zu junge Erwachsene sehen sie aus, denke ich. Auch meine Augen sind müde. Sie sahen schon zu viel; sie werden erneut sehen, sehen müssen. Hinsehen müssen.

 

Die Lieder, die sie in der Kette singen, kennt hier keiner. Fremde Worte, doch vertraute Melodien. Sie vereinen unmerklich, reißen Abgründe auf – ich schaue hinein. Unten ist nichts; nichts, nach dem wir streben. Mitnehmen werden wir es und mitnehmen wird es uns.

 

Sie singen weiter, bilden einen Kanon. Noch vor dem nächsten Refrain ruft einer: »Feuer!«

 

Die rote Blume, die hier wächst, ist keine Rose.

 

Warten und träumen

 

Sie sitzt mir gegenüber. Derzeit ist sie die Ruhe selbst, was irgendwie unheimlich ist. Wie oft ich das Mädchen in der letzten Stunde bereits angestarrt habe, kann ich gar nicht mehr zählen - dennoch mustere ich sie ein weiteres Mal von oben bis unten. Sie hat kastanienrote Haare, die glatt bis auf die Schultern fallen. Sommersprossen, die besonders die Partie um ihre Mundwinkel schmücken. Ihre Augenfarbe kenne ich noch immer nicht, obwohl sie mir genau gegenüber sitzt. Ich hoffe auf braun. Braune Augen würden perfekt mit ihren Haaren harmonieren. Ihren Pullover ziert einer dieser angesagten Aufdrucke; ein Spruch, dem die Vokale abhanden gekommen sind: FCK THS WRLD. Sie sagt seit ihrem Wutanfall nichts mehr, ansonsten könnten wir philosophieren.

 

Was wir wohl alles unternehmen werden, wenn wir uns erst besser kennen?, frage ich mich im Stillen – und dann sie. Ein kleiner Scherz von mir. Vorhin hat sie mich noch angeschrien, jetzt zeigt sie sich ziemlich fantasielos, wenn es um unsere Zukunft geht. Gemeinsam ans Meer fahren, das hätte was. Im Sand sitzend Bier oder Limonade trinken.

 

Ich gehe auf sie zu. Dann nehme ich ihr die Augenbinde ab. Grün, sie sind grün. Nicht braun, trotzdem hübsch. Den Knebel behält sie erst einmal im Mund.

 

Was morgen sein wird, weiß keiner von uns. Jetzt gerade hängen wir beide unseren Gedanken nach.

 

Sie … sie wartet auf einen Fehler meinerseits.

Ich … ich warte auf das Stockholm-Syndrom.

 

Wenn sie mich erst in ihr Herz geschlossen hat, wird sie sehen, dass ich eigentlich ein ganz Lieber bin.

 

Hand aufs Herz

 

»Du musst das jetzt durchziehen«, sage ich und reiche ihr ein Taschentuch. Im Tausch nehme ich ihr ihre Zigarette aus der Hand, drücke sie im Aschenbecher aus und suche schließlich ihren Blick. In ihren Augen könnte man heute ertrinken.

 

Sie nickt, verstehend, aber noch ohne jedwede Euphorie. Ihr Mann ist weg, elender Verlierer. Dafür schlägt unter ihrem Herzen, wie sie heute Morgen erfahren hat, ein weiteres. Zwei Herzen in ihrem Körper machen ihr Angst.

 

Fester Bodenkontakt ist Sophie fremd. Ein paar Konstanten in ihrem Leben - ich bin glücklicherweise eine davon - haben sie bisher immerhin soweit erden können, dass sie wenigstens mit einem Zeh fest auf dem Boden steht. Jetzt verlangt das Leben von ihr alle zehn.

 

»Was soll ich tun?«, fragt sie - eher sich selbst als mich. Dabei kennt sie die Antwort bereits.

 

Sophie ist ein Wirrkopf, mein liebster Wirrkopf. Sie wirft Träume in die Welt wie Seifenblasen. In solchen Massen, dass sie ein Bällebad damit füllen könnte. Doch manchmal verheddern und verstricken sich all ihre wirren Ideen. Dann werden sie zu Ängsten, führen zu Panik. An solchen Tagen verkriecht Sophie sich im Bett, lässt nichts außer heißen Kakao und mich an sich heran. Wie heute.

 

»Hand aufs Herz ...«, sagte ich.

Sie legt ihre Hand auf ihr Herz und lacht, unser altes Ritual in ernsten Momenten. Dann flüstert
sie: »… damit es nicht mehr schutzlos ist.«

 

Ich nicke. Sie steht auf und schleudert den Aschenbecher aus dem Fenster. Sie schreit und lacht dabei. Ich mache ihr einen Kakao mit Sahne.