Tsuji, Hitonari

Warten auf die Sonne

Zauberhaft

Piper Verlag, 2006, 413 Seiten, ISBN 978-3-492048-65-1

»Wer Haruki Murakami liebt, muss Hitonari Tsuji lesen!« So steht es auf dem Buchrücken. Da Murakami mit Abstand mein Lieblingsautor ist, waren meine Erwartungen natürlich dementsprechend hoch - und sie wurden nicht enttäuscht! »Warten auf die Sonne« zählt, seit ich es gelesen habe, zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und hat auch der Probe, als ich es zum zweiten Mal gelesen habe, standgehalten.

 

Wie der Titel und die Beschreibung bereits erahnen lassen, geht es in erster Linie um Menschen, die warten. Da ist der Regisseur Hajime Inoue, der auf die Sonne wartet, die genauso scheinen muss wie in seiner Erinnerung. Nur so kann er seinen letzten Film beenden. Dann gibt es Shiro, den Filmrequisiteur, der darauf wartet, dass sein Bruder Jiro - ein Drogendealer - aus dem Koma erwacht; Tomoko, Jiros Exfreundin, die ebenfalls am Filmset mitarbeitet, und Fujisawa, ein Mafiamitglied, der Jiro eine Tasche mit unbekanntem, aber gefährlichem Inhalt anvertraut hat, die er unbedingt zurückbekommen muss.

Und letztendlich erfährt der Leser die Geschichte Craig Bouchards (die Geschichte wird in Form von Tagebucheinträgen dargestellt) - ein amerikanischer Pilot, der in japanischer Kriegsgefangenschaft den Abwurf der Atombombe »erwartet«.

 

Hitonari Tsuji gelingt es, in einfacher Sprache unglaublich intensiv und bildreich zu schreiben und zu fesseln. Durch die verschiedenen Geschichten, die alle auf die eine oder andere Weise miteinander verwoben sind, wird das Buch sehr facettenreich. Obwohl der Großteil der Geschichte kurz vor der Jahrtausendwende angesiedelt ist, wird der Leser auch tief in die Zeit des Krieges hineingezogen - sowohl in Hajime Inoues Erinnerung als auch durch Craig Bouchards Tagebuch.

Darüber hinaus tun sich Parallel(?)welten in bester Murakami-Manier auf, die aber keineswegs als bloße Kopie anzusehen sind.

 

Zwar ist das Buch im Großen und Ganzen ein stilles Buch, aber kein so leises, wie man bei dem Titel und dem zentralen Thema »Warten« erwarten mag. Besonders die Stellen über den Krieg sind teilweise nicht nur furchtbar kalt, sondern auch schnell.

 

Ich kann »Warten auf die Sonne« nur empfehlen. Wer andere Bücher zeitgenössischer japanischer Autoren mag, wird nicht enttäuscht werden.

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