Nakamura, Fuminori

Die Maske

Abgründig, aber mit Ecken und Kanten

Diogenes, 2018, 352 Seiten, ISBN 978-3-257-07021-7

Fumihiro ist der mit Abstand jüngste Sohn der mächtigen und reichen Kuki-Familie. Und diese hat eine düstere Tradition: Seit jeher wird der jüngste Sohn einer Generation nur gezeugt, um durch rigide Erziehungsmethoden Düsternis und Zerstörung über die Welt zu bringen – was spirituell klingt, geschieht jedoch eher in Mafia-Manier. Um seine Ziele zu erreichen, adoptiert Fumihiros Vater das gleichaltrige Mädchen Kaori, das er als Werkzeug instrumentalisieren möchte. Doch Fumihiro verliebt sich in Kaori – und sie wird schon bald zu dem Wichtigsten in seinem Leben.

 

Vor ein paar Jahren debütierte Nakamura mit seinem kurzen Roman »Der Dieb« in Deutschland. Wenn ich auch zugeben muss, dass kaum Details hängen geblieben sind, so erinnere ich mich noch daran, dass ich den Roman wirklich sehr gut fand. Für den Nachfolger »Die Maske« gilt dieses Urteil mit leichten Einschränkungen. Es gibt wunderbare Passagen zwischen dem jugendlichen Fumihiro und der jungen Kaori, die den ersten Teil des Buches ausmachen. Der Großteil des Buches nimmt aber kriminalistische Züge an, ohne dass es eine greifbare und konkrete Kriminalhandlung anbietet (vielleicht ein wenig wie Episoden aus Murakamis »Südlich der Grenze, westlich der Sonne«). Auch diese Passagen sind sehr atmosphärisch, stets leicht, aber auf angenehme Weise melancholisch. Weniger überzeugend fand ich die Rahmenhandlung – das Motiv der familiären Tradition. Dies wird, so empfand ich es zumindest, viel zu fragmentarisch und oberflächlich geschildert, sodass es nicht wirklich nachvollziehbar wird, sondern eher aufgesetzt und unglaubwürdig wirkt.

 

Somit bleibt ein Roman, dem man die Rahmenhandlung nicht ganz abnimmt, der dazwischen aber durch sehr gute, stimmige sowie berührende melancholische Stellen und Szenen begeistert.

 

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Der Dieb

Von Diebstahl, der Yakuza und der Einsamkeit

Diogenes, 2015, 224 Seiten, ISBN 978-3-257-06945-7

Da ich literarisch sehr viel in dem Bereich unterwegs bin, bin ich immer auf der Lauer nach neuen Übersetzungen zeitgenössischer japanischer Literatur. Mit Fuminori Nakamuras »Der Dieb« bin ich dabei auf einen für mich völlig neuen Autor aufmerksam geworden - und bin nach dem Lesen absolut zufrieden mit der Lektüre.

 

Der Protagonist und Ich-Erzähler geht in den Straßen Tokios seinem Geschäft nach: Er stiehlt; in erster Linie Portemonnaies. Er macht es nicht, um sich finanziell zu bereichern (auch wenn er damit seinen Lebensunterhalt verdient), sondern aus der blanken Freude, nahezu einem inneren Zwang daran. Seine Prinzipien dabei sind in der Regel einfach und rühmlich: nur Reiche, keine Gewalt.

Sozial ist er vollkommen entwurzelt - er hat keine Freunde, von seiner Familie erfährt man als Leser nichts. Nur ein kleiner Junge, der von seiner Mutter zum Stehlen geschickt wird, heftet sich an seine Fersen, um seinem eigenen Zuhause zu entfliehen und bei ihm zu lernen.

Darüber hinaus hat es der mächtigste Yakuza-Boss des Metiers auf den Erzähler abgesehen - und hat ganz eigene Pläne für dessen Talente.

 

Die Stimmung des kurzen Romans erinnert an andere zeitgenössische japanische Autoren - sie ist kühl, ein recht junger, einsamer und entwurzelte Einzelgänger steht im Zentrum. Sprachlich fällt das Buch knapp, aber sehr stimmungsvoll und fesselnd aus. Gerade diese Mischung aus einzelgängerischem, ein wenig traurigem Protagonisten, der sehr gelungenen Beschreibung seines täglichen Handwerks, der langsamen Annäherung zwischen ihm und dem Jungen sowie der vagen Bedrohung der Yakuza im Hintergrund … machen diesen Roman zu einem überaus gelungenen, berührenden und kurzweiligen.

 

Für mich jedenfalls eine weitere Entdeckung der japanischen Literatur. Der Autor hat schon mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben - Ende Februar 2018 erscheint ein weiterer seiner Romane.

 

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