Murakami, Ryu

Das Casting. Romanvorlage zum Film Audition

Zwischen stiller Liebesgeschichte und lautem Horror

Septime Verlag, 2013, 200 Seiten, ISBN: 978-3-902711-15-1

Ich habe bisher alle auf Deutsch vorliegenden Romane des Autors gelesen, bin dabei auf sehr starke, auf durchwachsene und auf weniger überzeugende Bücher gestoßen. »Das Casting« gehört zusammen mit »In der Misosuppe« und »Coinlocker Babies« zu den besten bislang übersetzten Werken Ryu Murakamis - und überragt den kultigen Film »Audition«, der vom Ausnahmeregisseur Takashi Miike umgesetzt wurde, sogar noch ein kleines Stück.

 

Der Dokumentarfilmer Aoyama ist seit sieben Jahren Witwer, geblieben sind ihm sein Beruf, sein jugendlicher Sohn und sein bester Freund Yoshikawa, der ebenfalls in der Filmbranche tätig ist. Zu Frauen hat er in den letzten Jahren eher oberflächlichen Kontakt gehabt; doch nun beschließt er, erneut zu heiraten. Gemeinsam mit seinem Freund plant Aoyama, ein Casting für einen vagen Film zu inszenieren, um die passende Frau zu finden. Mit der geheimnisvollen Asami scheint er einen Glückstreffer gelandet zu haben. Doch langsam zeichnet sich ab, dass das vermeintliche Glück hier vielmehr ein furchtbarer Alptraum ist, der die eine oder andere Grenze neu auslotet ...

 

Weder der Verlag noch die tätigen Übersetzer (Leopold Federmair / Motoko Yajin) sagten mir vorher etwas; sie machen ihre Sache aber sehr gut. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Korrektorat souverän. Die Übersetzung kann ich nicht mit dem Original vergleichen, lediglich mit anderen zeitgenössischen Übersetzungen aus dem Japanischen. Und hier fällt auf, dass sie sich absolut nicht zu verstecken braucht.

 

Dem knappen Roman »Das Casting« ist dieser typische ruhige Zauber eigen, dem man oft in japanischen Büchern begegnet. So wird der Spannungsbogen sehr langsam aufgezogen: Der Protagonist wird eingeführt, das Setting wird ausgebreitet, alles mit knappen und lakonischen Worten dicht und atmosphärisch geschildert. Berichtet wird aus der dritten Person im Präteritum. Und wenn der meistens personale Fokus nicht dann und wann in einen auktorialen wechseln würde, der das kommende Unheil zwischendurch ankündigt, so könnte man den Großteil des Romans denken, man würde eine feinfühlige, ruhige Liebesgeschichte lesen. Wer Murakami kennt, weiß natürlich, dass man sich als Leser in diesem Gefühl nicht allzu sicher wähnen sollte, denn das Grauen kommt gnadenlos und brachial.

 

Im Vergleich zu der Verfilmung gibt das Buch an den richtigen Stellen tiefere Einblicke. Die Gefühle und der Charakter Aoyamas kommen wesentlich besser zum Ausdruck; dazu trennt der Roman klarer zwischen Realität und Illusion, was im Film - zumindest für mich - nicht immer leicht zu unterscheiden war. Ergo: Der Film ist vom Gewaltfaktor wahrscheinlich etwas heftiger, das Buch punktet dagegen durch eine tiefere Ausarbeitung der Figuren.

 

Fazit: Mit »Das Casting« liegt endlich (dem Septime-Verlag sei Dank) eine weitere Übersetzung Ryu Murakamis vor. Und diese überzeugt durch eine atmosphärische, langsam erzählte Geschichte, bei der man dem Protagonisten gut folgen kann und in die das Grauen subtil eingeflochten wird, bis es dann mit Brachialgewalt kommt.

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