Murakami, Haruki

Die Ermordung des Commendatore. Band I: Eine Idee erscheint

Ein sehr gelungener Auftakt. Nun heißt es warten bis April

DuMont Verlag, 2018, 480 Seiten, ISBN 978-3-8321-9891-6  

Nach der Trennung von seiner Frau fährt der namenlose Ich-Erzähler längere Zeit ziellos durch das Land. Schließlich kommt er, vermittelt durch seinen Chef und Freund, in dem Haus eines berühmten Malers unter, der an Demenz leidet und das Haus somit nicht länger bewohnen kann. Er selbst verdient seinen Lebensunterhalb als Portraitist – dann bekommt er den Auftrag, einen reichen und etwas undurchsichtigen Mann zu portraitieren. Sie freunden sich an; doch etwas ist seltsam an seinem neuen Auftraggeber – sein Gesicht will sich ihm nicht erschließen und somit auch nicht malen lassen. Je länger er an dessen Portrait arbeitet, desto seltsamere Ereignisse geschehen um ihn herum. Da ist das titelgebende Gemälde, das er findet. Aber auch etwas, das ihn nachts aus seinem Haus lockt …

 

Murakami, endlich ist er wieder da! Und dann gleich mit einem Doppelband. Der erste Teil ist spannend und interessant von der ersten bis zur letzten Seite, auch wenn sich die Ereignisse – typisch für Murakami – nicht unbedingt überschlagen. Die eigentliche Geschichte ließe sich recht kurz zusammenfassen. Letztlich sind es Stimmung, Stil und Atmosphäre, die »Die Ermordung des Commendatore« zu so einem starken Werk bzw. Werksauftakt machen. Darüber hinaus noch Murakamis Personenzeichnung sowie sein Talent, Skurriles und Surreales nebenbei einfließen zu lassen. Für mich hat sich das lange Warten gelohnt und ich freue mich riesig auf den zweiten, im April erscheinenden Band. Der erste Teil lässt nämlich – logischerweise - viele Fragen offen, die dann im April hoffentlich auch beantwortet werden (was bei Murakami ja nicht immer zwingend der Fall ist).

 

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Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte

Pure Melancholie, lebendige Figuren, knappe Sprache

DuMont Verlag, 2001, 428 Seiten, ISBN 978-3-8321-5609-1

Tokyo Ende der Sechzigerjahre, Zeit der Studentenproteste: Toru, ein etwas wortkarger und eher durchschnittlicher Student der Literaturwissenschaften, ist noch nicht über den plötzlichen Selbstmord seines besten Freundes Kizuki hinweg. Als er zufällig dessen ehemalige Freundin Naoko - noch zurückhaltender und stiller als Toru - wieder trifft, beginnt zwischen den beiden langsam eine Freundschaft, errichtet auf dem gemeinsamen Ereignis von Kizukis Tod. Ihre Sonntage verbringen sie zweisam mit endlosen Spaziergängen, bei denen sie Zugang zueinander suchen. Doch zunehmend wird Toru klar, dass Naoko immer mehr die Kontrolle über ihr Leben und ihre Gefühle verliert ...
Neben der schüchternen, stillen Naoko trifft Toru auf die verrückte, lebenslustige Midori - das komplette Gegenteil von Naoko.
Auf dem Klappentext ist zu lesen, dass sich Toru für eines der beiden Mädchen entscheiden müsse. Aber bereits sehr früh im Buch wird deutlich, dass die eigentliche Frage eine ganz andere ist ...

Wie sich aus der Inhaltsangabe erkennen lässt, ist »Naokos Lächeln« (das ursprünglich den Titel des Beatles-Liedes »Norwegian wood« trägt) eine in ihrem Aufbau sehr einfache, lineare Geschichte zu den Themen Verlust und Erwachsenwerden. Eine »boy meets girl(s)«- und »coming of age«-Geschichte also.
Aber obwohl der Plot sehr einfach getrickt ist, ist »Naokos Lächeln« - seit ich es vor etwa 4 Jahren zum ersten Mal gelesen habe - eins meiner zwei absoluten Lieblingsbücher. Woran liegt das?

In erster Linie an der unglaublich starken Atmosphäre, in die der Leser eintaucht. Schon auf den ersten Seiten wird man von einer ungewöhnlich intensiven Melancholie ergriffen, die einen die ganze Geschichte über nicht mehr loslässt. Man nimmt Anteil an dieser sehr stillen, sehr emotionalen Geschichte, in der jede der Figuren eine düstere, aber sehr reale Last trägt.
Dazu kommen die starken, lebendigen Protagonisten. Mit dem introvertierten Toru wird sich mit Sicherheit nicht jeder sofort identifizieren können, ein Hineinversetzen wird aber sehr wahrscheinlich leicht möglich sein. Naoko und Midori bilden zwar auf den ersten Blick ein gegensätzliches Paar wie Tag und Nacht, trotzdem sind sie beide sehr vielschichtig. Den Schwarz-Weiß-Status, den man jetzt vielleicht vermuten könnte, lassen sie jedenfalls mit Leichtigkeit hinter sich.
Besonders Midori hat mich überzeugt. Auf der einen Seite unglaublich heiter, lebenslustig und obszön (überhaupt wird im Buch nicht mit expliziten, teilweise schon vulgären Sexschilderungen gegeizt), bleibt sie auf der anderen doch das verletzliche, zerbrechliche Mädchen. Einige mögen darüber den Kopf schütteln, aber: Für mich bleibt sie - egal wie viele Bücher ich auch lese - eine der stärksten Romanfiguren, die ich kenne.

Wer also stimmige, melancholische und atmosphärische Romane über das Erwachsenwerden mag, in dem es von tollen und ein wenig verrückten Protagonisten sowie gut eigebundenen Zitaten aus Literatur und Musik nur so wimmelt, der wird an »Naokos Lächeln« nicht vorbeikommen ...

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Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Ein wunderbarer Roman in neuem Gewand

DuMont Verlag, 2013, 224 Seiten, ISBN 978-3-8321-9707-0
Murakamis »Gefährliche Geliebte« hatte - neben dem allgemeinen Erfolg - auch noch fragwürdigere Sternstunden, als es während der Besprechung im Literarischen Quartett zu einem offenen, teilweise persönlichen Streit zwischen Herrn Reich-Ranicki und Frau Löffler kam. Reich-Ranicki attestierte dem Buch eine große literarische Kraft und Zartheit, während Löffler es als sprachloses Machwerk am liebsten aus dem Quartett verbannt hätte. Gerade die Sekundärübersetzung aus dem Englischen wurde kritisch gesehen und die Frage aufgeworfen, inwieweit dabei sprachliche Nuancen überhaupt noch beibehalten werden können (Murakami selbst sah das nicht so eng; ihm gehe es in erster Linie um die Inhalte, erst in zweiter Linie um die Sprache – das zumindest habe ich irgendwann mal irgendwo gelesen). Wenngleich mich bereits die Ausgabe »Gefährliche Geliebte« komplett für sich gewinnen konnte, so bin ich froh, eines meiner Lieblingsbücher nun erneut genießen zu dürfen - direkt übersetzt von Ursula Gräfe, über die wohl jeder, der sich für japanische Literatur interessiert, schon einmal gestolpert sein dürfte. Nun erscheint das Buch auch unter dem übersetzten Originaltitel: dem für die Geschichte bedeutenden Songtitel »South of the border, west of the sun«.

 

Hajime ist ein Einzelkind inmitten von Familien mit mehreren Kindern, sodass er sich schon bald wie ein Fremdkörper in seiner eigenen Welt fühlt. Erst als er die leicht hinkende Shimamoto - ebenfalls Einzelkind - kennen lernt, gewinnt er in ihr eine gute Freundin; mit ihr hört er nach der Schule Jazz und Klassik, mit ihr kann er über alles sprechen. Und einmal hält er sogar ihre Hand. Als seine Familie in eine andere Stadt umzieht, verlieren sie den Kontakt.

Jahre später ist er verheiratet, Vater zweier Töchter und Besitzer von zwei kleinen Jazzbars. Nach vielen ziellosen, verschwendeten Jahren ist er endlich an einem Punkt angekommen, an dem er eigentlich glücklich sein könnte. Dennoch fehlt ihm etwas, nie kann er Shimamoto ganz vergessen. Dann taucht sie eines Tages in seiner Bar auf ... und bietet sich an - als Sehnsucht, als Fluchtweg aus einem gleichförmigen Leben ...

 

Ich selbst war schon damals vollkommen gefesselt von diesem Buch - Murakami gelingt es mit Hajime bestens, ein Leben in der Krise zu schildern, die Sehnsüchte eines Mannes, der nicht loslassen kann und sich ganz in diesen Sehnsüchten verliert. Dazu kommen die wunderbaren Schilderungen seiner Freundschaft zu Shimamoto. Meine persönlichen Lieblingsstellen sind allerdings fast schon beiläufige Nebenhandlungen: seine Jugendliebe Izumi. Selten hat mich eine kleine Liebesgeschichte auf so wenigen Seiten so fasziniert und in ihrer Tragik derartig berührt. Aber auch alle weiteren Seiten sind voll von tiefer Melancholie, Atmosphäre und - zwischendurch - recht expliziten Liebesszenen.

 

In der Neuübersetzung von Ursula Gräfe behält das Buch natürlich seine Geschichte. Sprachlich dagegen hatte ich den Eindruck, dass ihre Sätze etwas sorgfältiger und zurückhaltender ausgearbeitet wurden. Die Höflichkeitsanrede »Shimamoto-san«, die in der bisherigen Ausgabe oft vorkam, wurde hier komplett weggelassen; aus der im Quartett kritisierten Stelle »Ich wollte sie bis zur Hirnerweichung vögeln« wurde »[Wir] hatten so wilden Sex, dass uns das Hirn schmolz«. Es sind also Kleinigkeiten, die dem Buch aber gut tun. Vorher war es eins meiner Lieblingsbücher - nun ist es das umso mehr.

 

Letztendlich bleibt es also die gleiche wunderbare Geschichte, die hier allerdings noch etwas sorgsamer erzählt wird. Für alle, die »Gefährliche Geliebte« nicht gelesen haben, ist »Südlich der Grenze, westlich der Sonne« eine absolute Empfehlung. Für alle anderen ist es eine lohnenswerte Ergänzung.

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